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Montag, 13. Juli 2020

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STARS on Tour


Stars präsentieren ihr neues Album "The North"

Alle Termine: 10.12.2012 | Hamburg | Uebel & Gefährlich
11.12.2012 | Berlin | Heimathafen
12.12.2012 | Frankfurt | Batschkapp
17.12.2012 | Köln | Luxor
18.12.2012 | München

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Im Gespräch: Dendemann

Ganz ehrlich: ein wenig bange war uns ja schon, als wir uns eines ungemütlichen Oktobertages in einem Café in Berlin-Friedrichshain einfanden. Dort erwartete uns nämlich kein Geringerer als Dendemann, der nicht nur für seine Reibeisenstimme und seine kaum zu übertreffende Sprachgewandtheit bekannt ist, sondern eben auch dafür, dass er ein durchaus unberechenbarer Gesprächspartner sein kann.

Entsprechend überrascht waren wir, als ein gut gelaunter Dende uns herzlich empfing und sich als überaus charmant und umgänglich bewies. Fröhlich plauderten wir bei Kaffee und Limonade über das Leben auf Tour, über Streber und über Waschsalons mit ungewöhnlichen Unterhaltungskonzepten.


In wenigen Tagen beginnt deine “Tour des Monats”, der erste Termin ist in Hamburg. Was machst du hier in Berlin?

Proben. Die Band kommt aus Berlin, deswegen probe ich immer hier.

Die Termine sind relativ knapp hintereinander gelegt, 20 Termine in 25 Tagen – da bleibt kaum Zeit zum Durchatmen. Ist das nicht wahnsinnig stressig?

Nee, das macht man auch so schon, rein logistisch, weil man ja einen Bus mietet für die gesamte Zeit. Das heißt: diese freien Tage dazwischen, das sind ganz normale notwendige Päuschen. Wir haben jetzt teilweise zwei Tage dazwischen, aber man macht das immer an einem Stück, weil das sehr viel koordinierbarer ist. Man mietet den Bus dann halt für diesen Monat.

Mit deinem aktuellen Album – die Veröffentlichung ist ja auch schon ein bisschen her – warst du schon im Frühjahr auf Tour. Kannst du schon ein Fazit ziehen? Wie haben die Leute darauf reagiert? Das Album ist ja doch sehr anders als deine alten Sachen.

 Ja, es ist extrem livetauglich. Das war eigentlich auch das Ziel bei der ganzen Sache, eben durch die Festivals und durch das Touren. Weil ich jetzt seit fast zweieinhalb Jahren mit Band auf der Bühne stehe, war das Gefühl, eine Platte zu machen, die perfekt zum Livespielen ist, einfach noch größer. Ich hab wirklich einfach bei jedem Song von Anfang an daran gedacht: Wie wird das auf der Bühne funktionieren? Deswegen ist das auch alles so laut und schnell. Es war sehr leicht. Wenn ich früher mit irgendwelchen Sample-Beats bei der Band ankam, wo ich irgendwelche Soulbläser gesamplet hab, da haben die mich natürlich angeguckt und dann gesagt: “Ja, wie hättest du das denn gerne nachgespielt? Wir werden dir hier keine Saxophonorgie liefern können.” Und da die Platte ja live aufgenommen ist, ist es superleicht, sie genauso klingen zu lassen. Man braucht drei bis vier Leute, die ihre Instrumente perfekt beherrschen und dann ist es sehr leicht, dass es live genauso klingt wie auf Platte.

Hast du in deinem Publikum Veränderungen beobachten können im Vergleich zu früher?

Das war immer schon sehr gemischt. Schon zu Eins Zwo-Zeiten hat sich der ein oder andere Metalfan bei uns verirrt und das ist eigentlich immer so geblieben.

Du glaubst also auch nicht, dass dir irgendwer den Rücken gekehrt hat?

(lacht) Um Gottes Willen, nee. Ich hab auch nicht das Gefühl, ne andere Schiene zu fahren. Man merkt halt, dass die Platte von HipHop-Fans sehr unterschiedlich empfunden wird, je nachdem wie lange die Leute schon HipHop-Fans sind. Wenn jemand schon seit den Achtzigern HipHop-Fan ist, dann empfindet er diese Platte überhaupt nicht rockig, sondern er empfindet sie als ganz normale Rap-Platte mit Liveband, weil halt in den Achtzigern sehr viel mit Rock und HipHop passiert ist.

Glaubst du, dass HipHop offener für Experimente ist als andere Musikrichtungen?

HipHop ist fast schon zu offen dafür und auch immer gewesen. Jeder, der mal dogmatisch versucht hat zu sagen: “Das ist jetzt aber kein HipHop mehr”, der hat ja nur versucht, die schützende Hand über einen Sound zu legen, der ihm am besten gefiel. Außer mit extremem Pop kann man HipHop eigentlich nicht weh tun, weil es eine Musik ist, die so den Einfluss Anderer braucht. Es ist ja inzwischen so weit, dass es die letzten Jahre dazu gekommen ist, dass der Pop dann angefangen hat, HipHop zu kopieren. Dass Madonna sich von HipHop-Produzenten produzieren lässt, das ist ja fast schon wieder verdrehte Welt.

Du siehst ja auch ein bisschen anders aus als früher. Nervt es dich, dass du ständig auf deinen neuen Style angesprochen wirst?

Naja, das einzig Nervige daran ist, dass einem da immer so ein Marketingkalkül unterstellt wird, wo ich wirklich denke: Wer ist so bescheuert, sich irgendwie ne Frisur oder irgendwie was machen zu lassen, weil er glaubt, das würde besser ins Konzept passen? Aber Leute machen das, das gibts tatsächlich. Ich sag mal: so ein bisschen Verwirrung stiften ist ja auch gewollt (grinst).

Welche Platte hat bei dir denn die große Liebe zum HipHop ausgelöst?

Das war meine zweite HipHop Platte, die erste hab ich nicht verstanden (lacht). Also, die erste war von Public Enemy, da hab ich wirklich nur von einem Cooleren in der Schule den Rückenaufnäher im Plattenladen wiedererkannt und dachte: Okay, ich muss es zumindest mal hören. Und obwohl ich damals Metallica und sowas gehört hab, war mir das zu laut, da waren so viele Sirenen und so viele Geräusche und so. Und dann kam aber ein halbes Jahr später De La Soul, das erste Album, das ist meine Schlüsselplatte bis heute. Das ist einfach was Großes, was sich durchsetzt.

Und bei dir selbst, wie fing das da an? Dein erster Reim, hast du den noch im Kopf?

Nee, den ersten Reim hab ich nicht mehr, aber das erste Lied war tatsächlich noch auf Englisch. Das dritte war dann erst auf Deutsch. Das war aber auch in einer Zeit, wo das mit dem Deutsch noch verpönt war – nicht, dass das Englische unverpönter war… Das muss so ’93 gewesen sein, es ging ums Auf-den-Punkt-Kommen. “Nitty Gritty” hieß es.

Heutzutage ist es ja so, dass jeder seine Sachen aufnehmen und ins Internet stellen kann, dadurch gibt es eine wahre Überflutung an Künstlern und man verliert leicht den Überblick. Wie würdest du denn heute, wenn du keinen Vertrag hättest, auf dich aufmerksam machen?

Wahrscheinlich würds mir gar nicht gelingen. Ich weiß es nicht, das ist echt ne schwierige Frage. Wenn du mich gefragt hättest, wie ich das finde, dann hätte ich gesagt: Ja, das ist halt Segen und Fluch (lacht). Ich finde, zum HipHop passt das gut, dass das heute jeder machen kann, von der Art der Musik. Dass man mit Gratis-Software Beats herstellen kann, die veröffentlichbar sind und so, das passt natürlich zu dieser Musik, die schon immer so einen schmalen Grad zwischen Konsument und Aktivist hatte. Das war halt bei uns früher eher so: Ey, in der Nachbarschaft gibts jemanden, der kennt jemand, der hat nen Sampler. Sowas kostete ein Vermögen und man kannte maximal eine Person, die sowas hatte und mit der sollte man sich besser gut stellen. Eine andere Welt, aber das hat die Musik auch nicht besser gemacht.

Wie ist das bei dir mit dem Samplen? Samplest du noch oder findest du das unzeitgemäß?

Nee, unzeitgemäß ist auf jeden Fall die rechtliche Situation. Durchs Internet ist es einfach für Verläge sehr leicht, zu recherchieren wer was benutzt hat und dagegen auch entsprechend vorzugehen.

Gabs in der letzten Zeit eine Platte, die dich richtig vom Hocker gehauen hat?

Letzte Zeit ist übertrieben, aber: Fehlfarben. Und Turbostaat, das war die letzte Platte, geiler Produzent.

Was meinst du, wie es mit der deutschen HipHop-Szene weitergeht?

Man muss sich spezialisieren, um ne gewisse Aufmerksamkeit zu kriegen. Es bringt nichts mehr, alles nach Vorschrift zu machen, weder für die Lieben noch für die Bösen. Es werden wahrscheinlich die Platten erfolgreich, die eben glaubwürdig verkaufen können, dass sie darüber hinaus funktionieren. Also Advanced HipHop, wenn du so willst. Marteria zum Beispiel schlägt ja auch ganz klar in diese Kerbe. Ich will jetzt nicht Erwachsen-Hiphop sagen oder sowas, weils das ja irgendwie auch nicht ist. Aber von der Produktion eine gewisse Reife anzukündigen, das funktioniert ja auch. Das ist ja wahrscheinlich auch ein Mindestanspruch, den Musik mitbringen muss, damit es Leute, die jetzt nicht speziell nur nach HipHop gucken, überhaupt erreicht. 

Du hast mal gesagt, du möchtest ein ganz eigenes Dendemann-Genre etablieren. Wie läufts damit?

Ganz gut, ich bin ja Gott sei Dank auch schwer kopierbar. Es ist ja nicht nur so, dass ich leicht wiedererkennbar bin, sondern auch schwer kopierbar (lacht). Natürlich müsste ich, wenn ich das wirklich durchziehen würde, mal noch so zwei, drei Platten in dieser Richtung machen. Das wird natürlich überhaupt nichts werden, weil ich jetzt schon wieder überhaupt keinen Bock mehr auf das hab, jetzt will ich unbedingt ne HipHop-Platte machen. Aber ich denke, dass das sprachlich beziehungsweise textlich eh schon stattgefunden hat. Das geht zwar nicht über meine Sympathisanten hinaus, die sagen: “Ach, das ist ja so ne Musik, wie Dendemann macht!”, aber ich denke, dass ich mir textlich ganz gut selbst meinen Stempel aufgedrückt habe. Ich könnte auch das Andere nicht. Angenommen, ich wär Fan einer ganz bestimmten HipHop-Stilrichtung, das würde halt immer wieder nach mir klingen, weil ich bestimmte Ästhetiken überhaupt nicht nachahmen kann. Sobald ich da irgendwie drübersemmel, bringt der tolle Dirty-South-Beat auch nichts mehr. Dann ist das eh wieder Trash (lacht).

Also wird dein nächstes Album eher wieder…

 … es gibt keins.

Wie, gar keins?

Nee, also, es wird noch lange dauern (lacht). Bevor ich hier wieder über ungelegte Eier spreche… Ich möchte auf jeden Fall wieder vorproduzieren und dann live aufnehmen, das hat mir sehr gut gefallen. Aber ich glaube, ich geh wieder in die Neunziger.

Manch einer in der deutschen HipHop-Szene wirft zwei Alben pro Jahr auf den Markt.

Ja, Streber, alles Streber. Man hatte sie früher vor sich sitzen und es hat sich nichts geändert. 

Warst du vielleicht so ein Gemeiner in der Schule?

Nee, aber überleg mal: Die haben da in der Oberstufe noch so gesessen: (ahmt lachend übereifriges Schnippen mit dem Finger nach). Ganz schrecklich. Das sind die gleichen Leute, die heute irgendwie twittern, dass sie nen neuen Reim gefunden haben. 

Du lässt dir also lieber Zeit und machst zwischendurch was Anderes?

(grinst) … oder gar nichts!

Das heisst, du kannst von deiner Musik gut leben? Man hört ja oft von Künstlern, die irgendwie noch andersweitig ihre Brötchen verdienen müssen.

Das war bei mir am Anfang auch so. Erste Fünf Sterne Deluxe Tour – noch bevor sie Tonträger hatten, als sie sich grade umbenannt hatten von “Der Tobi & das Bo”, waren wir zu acht, nee, zu neunt mit Fahrer, mit ner Caravelle unterwegs. Zwei Wochen, Deutschland-Österreich-Schweiz, mit Merchandise, Plattenspieler, …  Es gab nur EINE Möglichkeit, den Kofferraum zu packen - und die wusste nur DJ Coolmann (lacht). Das war wie Tetris, der Kofferraum war nur so tief (deutet mit den Händen die Größe an). Da waren Klamotten von acht Leuten für zwei Wochen und Merchandise. 

Wie bekommt man das unter solchen Bedingungen hin, sich nicht gegenseitig an die Gurgel zu gehen?

(lacht) Tut man ja. Aber dafür ist man ja Mann, man kanns am nächsten Tag auf den Suff schieben und sich wieder voll lieb haben.

Und wie läuft das mit deiner Band jetzt so?

Tolle Band. Echt Wahnsinn, das ist furchtbar professionell. Die sind so 200 Tage im Jahr auf Tour, die spielen halt für jeden. Allein wie die ihre Taschen packen, das ist alles so furchtbar professionell.

Also auch Streber?

Ja, mit ihren kleinen Kulturtaschen und so. Ganz wenig mit, aber alles dabei. Ich hab alleine glaub ich 40 T-Shirts dabei, ich rock ja auch drei durch am Tag. 

Da kann man ja auch gar nicht richtig waschen auf Tour.

(freudestrahlend) Boahr, das hab ich früher immer gemacht, auf Tour waschen! Im Venue-Keller, das is natürlich immer richtig toll. Die Alternative war halt am freien Tag in den Waschsalon. Früher in den Jeanswerbungen fand ich Waschsalons immer total toll, aber wenn man dann erst mal drin sitzt und beim Trocknen zuguckt… Irgendwann war ich mal in einem mit so nem Internetportal, das war ja Wahnsinn. Die hatten noch so ein zweites Portal mit so nem Musikquiz, da bin ich teilweise echt weit gekommen (grinst stolz).

Dende, wir danken dir für das Interview.

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Dendemann: Vom Vintage verweht / VÖ: 03.08.2010 / Yo Mama Records /Four Music

Das Interview führten Sarah Näher und Aine Whelan

Leserkommentare

2 Kommentare zu “Im Gespräch: Dendemann”

  1. Olf sagt:

    Super Interview, schade, dass es jetzt erstmal dauert bis zum nächsten Album…

    Danke für’s Fragen

  2. Monika sagt:

    Das Interview ist richtig gut, hat total viel Spaß gemacht, das zu lesen, wansinn! Respekt

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